Kaum ein anderer Faktor bestimmt unsere Lebensgestaltung, unsere Identität und unseren sozialen Ruf so stark wie die Erwerbsarbeit.

In der Antike war Arbeit noch ein notwendiges Übel. Mittlerweile hat sich das Verständnis gewandelt: über eine göttliche Strafe, die Notwendigkeit zur Absicherung der eigenen Existenz, einem Recht auf Arbeit hin zu einem Herrschaftsinstrument, das unsere Tageszeiten und Lebensläufe strukturiert. Wer Arbeit hat, erbringt Leistung, ist ökonomisch wertvoll und sichert sich selbst materiellen Wohlstand. Wer Arbeit hat, ist vollwertiges Mitglied der Gesellschaft.

Im Narrativ der Arbeitsgesellschaft der Gegenwart entfaltet sich der Einzelne in seiner Arbeit. Jeder strebt nach Erfüllung und entwickelt in immer flexibler werdenden Märkten sein unternehmerisches Selbst. Die Gesellschaft ist geprägt von einer Sehnsucht nach Arbeit bei gleichzeitiger Unfähigkeit zur Muße. Denn auf der anderen Seite steht die Angst vor Armut, sozialem Abstieg, Verelendung.

In einer Erwerbsgesellschaft, in der die erste Frage beim Smalltalk die Frage nach dem Job ist, sorgen aufgefrischte Thesen über ein neues Maschinenzeitalter für Diskussionen in Feuilletons und Wirtschaftsressorts, auf Konferenzen und in politischen Gremien. Die Debatten sind angestachelt von Prognosen über Automatisierungspotentiale, technologische Quantensprünge im Bereich künstliche Intelligenz und eine zunehmend entgrenzte Arbeitswelt, die von einer digital-globalen Plattformökonomie angetrieben wird.

Dabei ist die aktuelle Debatte keineswegs progressiv. Bereits in den 50-er Jahren wurde der Ersatz des Menschen durch Digitalisierung und Automatisierung diskutiert. Stattdessen zeigt die anhaltende Sorge vor einem Ende von Arbeit die Bedeutung, die Arbeit in unserer Gesellschaft einnimmt. Hinter den Prognosen und Ängsten steht die Frage, die Hannah Arendt bereits in den 60-er Jahren formulierte:

„Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, als die einzige Tätigkeit auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“

In der Retrospektive führte der Einsatz neuer Technologien allerdings im Gegenteil zu einer erhöhten Erwerbsquote, die sich aus neuen Geschäftsmodellen und Berufsbildern speiste. Die Persistenz des Paradigmas bei gleichzeitig stetiger statt sinkender Beschäftigung schwächt die Prognosen der Gegenwart ab. Die jüngste Studie des Weltwirtschaftsforum prognostiziert, dass die Automatisierung bis 2025 75 Millionen Jobs vernichten wird; gleichzeitig aber 133 Millionen neue entstehen. Ein Ende der Arbeit sei nicht in Sicht, konstatierte auch das Arbeitsministerium im Weißbuch 2016.

Allerdings übersieht diese Sichtweise den sinkenden Anteil des Produktionsfaktors Arbeit am Nationaleinkommen in den letzten beiden Dekaden – unter anderem in Deutschland, in den USA, in Großbritannien, in Frankreich und in Japan. Vor allem bei Beschäftigten mit niedriger bis mittlerer Qualifikation gehen Arbeitsvolumen und Lohnniveau zurück. Die Knappheit des Angebots der Ware Arbeit bei gleichzeitiger (politischer) Nachfrage nach Vollbeschäftigung, führt zu einer für den Einzelnen problematischen Kausalkette.

Zweitens verhindert dieser Blickwinkel, die Möglichkeit alternative Gesellschafts- und Lebensentwürfe auszuloten. Wer weiterhin den Blick auf Erwerbsarbeit richtet, bleibt möglicherweise in der Vergangenheit, zumindest aber in der Gegenwart verhaftet. Dies verstellt den Blick auf zukünftige gesellschaftliche Veränderungen und Fragen, die diese anstoßen können. Ein Beispiel hierfür ist Daniel Häni, der bei der Volksinitiative zum Schweizer Grundeinkommen fragte: Was würdest du tun, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre? Ob das Grundeinkommen die richtige Antwort auf eine veränderte Erwerbsgesellschaft ist, sei dahingestellt. Vielmehr geht es darum, Fragen zu stellen, und somit bestehende Zusammenhänge und für selbstverständlich gehaltene Deutungsmuster infrage zu stellen. All das kann eine Neudefinition von Arbeit ermöglichen.

Statt den Blickwinkel also vorzeitig zu verstellen und lediglich zu konstatieren, dass keine gesellschaftliche Akzeptanz für neue Formen des Wirtschaftens oder des Sozialstaates existieren, sollten andere Lebensweisen veranschaulicht werden, um die Gestaltung einer Zukunft von Arbeit zu beflügeln, die außerhalb der bislang betretenen Pfade liegt.

Die Debatte um Innovationen im Arbeitsmarkt sollten nicht nur abwägen, was technologisch machbar ist, sondern auch ausloten, was gesellschaftlich erwünscht ist. Wer nicht dem Technologie-Determinismus verfällt, kann den Wandel der Arbeitswelt als Chance begreifen, um Gesellschaft neu zu gestalten. Es ist an der Zeit aufmerksam zu machen auf andere Wirtschaftspraktiken, Organisationsformen, politische Instrumente und Lernumgebungen, um derentwillen sich eine Veränderung lohnt.